Ein Ausflug in Bildern mit unerwartetem Abenteuer in einem verlassenen Rinderstall.
Ich hatte endlich frei und die Sonne strahlte, als wäre sie darüber ebenso erfreut wie ich. Eigentlich war ich auf dem Weg zu einem alten Friedhof eines heute nicht mehr existenten böhmischen Dorfes. Ein paar Häuser sollten wohl noch stehen. Kirche und Friedhof waren jedoch nach Ende des zweiten Weltkriegs zerstört worden. Es war die Kirche, in der meine Ururgroßeltern getraut wurden. Man hatte mir erzählt, der Friedhof sei wieder hergerichtet worden und eine Art Denkmal für die Kirche errichtet – das wollte ich mir natürlich gerne ansehen. So machte ich mich auf und fuhr an die tschechische Grenze, um dort zu Fuß „rüberzumachen“, wie man früher sagte.
Der Böhmerwald zeigte sich von seiner besten Seite und so war die Wanderung mehr als angenehm. Fast hatte ich mein Ziel erreicht, als mir ein verlassenes Gebäude mitten auf einem von Sträuchern beschatteten, wild bewucherten Grundstück ins Auge fiel.

Zögern – würdest du hineingehen?
Durch die weit geöffneten Tore und scheibenlosen Fenster bot sich mir einen Blick in die Arbeitswelt der Vergangenheit im Böhmerwald. Ein Beweis dafür, dass die interessantesten Schätze und Abenteuer in der Welt draußen auf uns warten. Wir müssen nur hinausgehen, um darüber zu stolpern. So stehe ich nun auf der Straße und trete von einem Bein auf das andere. Recke den Hals und laufe erstmal – mit sicherem Asphalt unter den Wanderschuhen – auf der Straße um das Gebäude herum ohne den Blick davon abzuwenden.
Ich checke die Lage. Etwas weiter hinten der Straße folgend stand ein Wohnhaus. Es war von hier aus nicht zu sehen, nur ein Briefkasten an der Weggabelung deutete darauf hin, dass es bewohnt sein könnte. Da mir während meiner ganzen bisherigen Wanderung niemand – weder zu Fuß noch in einem Auto – begegnet war, und meine Neugierde es nicht nur befahl, sondern verlangte, trat ich schließlich auf das Grundstück.



Die anfängliche Sorge dort jemanden anzutreffen, wich schnell der Faszination, die dieser Ort ausstrahlte. Die im ersten Raum gelagerte Matraze schien nicht genutzt zu werden und auch die Zahl der Getränkedosen in den Vorräumen deutete eher auf achtlose Wanderer als auf wilde Partys hin. Doch was mich am meisten überraschte: Alles wirkte so – neu. Hatte ich von der Straße aus noch mit einer baufälligen Ruine gerechnet, überzeugte mich der saubere Innerenraum vom Gegenteil. Ein wenig Stroh und Heu, etwas Abfall, den jemand hier günstig entsorgte, schmückten noch den Lagerraum. Die Stallung selbst schien nach dem Auszug der Rinder fast schon besenrein hinterlassen worden zu sein. Ich wandelte mit sanften Schritten und offenem Mund durch die Räume und versuche jedes Detail aufzusaugen, einzuordnen und mir zu merken.




Ein Geräusch riss mich aus meiner Faszination. Vor dem Gebäude hatte ein Auto angehalten. Mit klopfendem Herzen drückte ich mich an die Wand, um von draußen nicht gesehen zu werden. Nach einer Schrecksekunde schob ich meinen Kopf Richtung Fenster und versuchte, hinauszulinsen. Vor meinem inneren Auge sah ich mich bereits verzweifelt einem wütenden Eigentümer zu erklären, was ich hier verloren hatte – allerdings ohne dafür ausreichende Kenntnisse in tschechischer Sprache aufzubringen. Hatte eine Kamera mit Bewegungsmelder Alarm geschlagen? Ich hielt die Luft an und lauschte gespannt nach weiteren Geräuschen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich das Auto losfahren und die Stille kam zurück – von meinem Pulsschlag mal abgesehen, der mir noch in den Ohren dröhnte.
Nun war es Zeit zu gehen. Doch einen Blick in die beiden vorgelagerten Räume, die direkt zur Straße zeigten, konnte ich mir nicht verkneifen. Natürlich musste dort eine Leiter stehen und natürlich konnte ich nicht anders, als meinen neugierigen Kopf auch noch in das obere Stockwerk zu schieben, wo mir ein für einen Stall recht unerwarteter Einrichtungsgegenstand entgegen blickte.

Zeitliche Einordnung
Auf den ersten Blick…
Ohne wirklich Experte im Rinderstallbau – oder überhaupt Bauwesen – zu sein, schätzte ich das Baujahr des Stalls auf die 1950er oder 1960er Jahre. Zumindest kenne ich im Bayerischen Wald eine Vielzahl ähnlicher Stallbauten, die alle aus dieser Zeit stammten. Allerdings schien mir der Stall nicht besonders lang oder intensiv genutzt worden zu sein. Zumindest, wenn man nach den recht sauberen Wänden, vergleichsweise geringen Abnutzungsspuren und nicht vorhandenem Stallgeruch urteilte.

Recherche in alten Karten
Um das Alter des Stalls zu verifizieren, suchte ich in alten Landkarten danach. Mein erster Anlaufpunkt ist hier der Bayernatlas. Dort sehe ich, dass an der Stelle bereits 1892 ein ähnlich langes Gebäude stand. 1942 waren es dann zwei ähnlich große Gebäude nebeneinander. 1977 verschwinden alle Bauten des kleinen Ortes und so bleibt es bis zu einer Karte aus 1992. Erst 2002 ist der Stall wieder eingezeichnet.
Das ist nun keine eindeutige Antwort auf unsere Frage. Denn gerade für die Zeit zwischen 1945 und 2002 scheint der Bayernatlas nicht die sinnvollste Quelle auf tschechischem Gebiet. Würde man sich darauf verlassen, könnte man zur Annahme gelangen, der Ort wäre vollständig verschwunden und erst irgendwann zwischen 1992 und 2002 mit einem Haus und einem Stall – die allerdings nicht unmittelbar nebeneinander liegen – bebaut worden. Das würde – wenn wir davon ausgehen, dass die Karten korrekt sind – ein Baujahr zwischen 1992 und 2002 nahelegen. Nur passen Technik und Bauweise so gar nicht zu dieser Einordnung.
Hier zeigt sich wieder, dass man mit Quellen vorsichtig sein sollte. Auch Karten sind nicht immer korrekt – gerade für den fraglichen Zeitraum werfen sie mehr Fragen auf, als dass sie weiterhelfen. Historische tschechische Karten sind da schon hilfreicher.
Diese geben mir schließlich darüber Auskunft, dass das Gebäude 1952 sehr wohl bereits an dieser Stelle stand. Ergänzt um weitere Gebäude in 1981 und 1992. In diesen beiden Jahren schien dort eine ganze Hofstelle zu existieren. Was durchaus Sinn ergibt, ein Stall dieser Größe stand selten ohne weitere Wirtschaftsgebäude allein in der Gegend herum.
Auch bestätigen die Karten aus dem tschechischen Archiv, dass die Stelle schon lange bebaut war.



Durchatmen und Brotzeit danach
Nach dieser aufregenden Entdeckung lasse ich mich auf eine Bank auf dem Friedhof, dessentwegen ich eigentlich gekommen war, nieder und lasse atme erstmal durch.
Weitere Recherchen ergeben, dass nach 1945 alle Gebäude des Ortes, abgesehen von einem Haus, zum Zwecke des Grenzschutzes dem Erdboden niedergemacht worden waren. Einige Fotos aus anderen Jahreszeiten (mit weniger Bewuchs) offenbaren, dass der Stall auf den Ruinen der ursprünglichen Hofstelle gebaut wurde. Dies musste also zu kommunistischen Zeiten passiert sein, was wiederum dem Baustil entspricht.
Dass der Stall jedoch nicht sehr lange in Betrieb gewesen sein konnte, erscheint vor diesem Hintergrund logisch. Ab den 1950er Jahren wurde in der damaligen Tschechoslowakei auf Kollektivierung und Großbetriebe gesetzt. Ein Stall dieser Größe – noch dazu an einem so abgelegenen Fleckchen Erde direkt an der Grenze konnte da nicht mithalten. Nur wenige hundert Meter entfernt befindet sich ein großer landwirtschaftlicher Betrieb, der aus einer solchen Kolchose hervorgegangen sein könnte. Der kleine Stall wurde wohl bald überflüssig.
Während ich mir in der Ruhe des ehemaligen Kirchengeländes meine Brotzeit schmecken ließ und Energie für den Rückweg tankte, erstaunte mich, wie viel Geschichte ein so vergleichsweise junges und nur kurz genutztes Gebäude in sich trug. Wie viel würden mir die Reste und Ruinen des ganzen Dorfes dann erst erzählen? Denn an diesem Ort sollen Wunder passiert und Menschen geheilt worden sein. Ich lauschte der Stille und ließ meinen Blick über die Wiese wandern, in denen sich nur noch eine Handvoll Gräber als kleine bewachsene Hügel verteilten. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
Über welche unerwarteten Abenteuer bist du bei deiner Forschung bereits gestolpert? Ich nenne das Erlebnis-Genealogie – mehr dazu.
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