Erste Schritte im genealogischen Schreiben

Umfassende Anleitung für deinen Start ins genealogische Schreiben. So kannst du die Geschichten deiner Vorfahren besser verstehen und für kommende Generationen bewahren. Dazu musst du noch gar nicht wissen, was aus diesen Aufzeichnungen einmal werden soll. Eine Biografie? Eine Familienchronik? Vielleicht ein historischer Roman oder eine Serie? Wie auch in der Ahnenforschung beginnen wir also zuerst mit dem Sammeln von Geschichten. In eine literarische Form kannst du deine Erkenntnisse später bringen, wenn du den Wunsch danach hegst.

Falls du dir nicht sicher bist, was genealogisches Schreiben ist, findest du die Erklärung hier.

Betrachte das Leben deiner Vorfahren chronologisch und beginne mit dem, was du schon hast

Ich arbeite beim genealogischen Schreiben ganz minimalistisch mit OpenOffice. Aber natürlich eignen sich auch Word, LibreOffice, Google Docs oder dein bevorzugtes Schreibprogramm. Als Erstes erfasse ich die Namen der Personen, deren Lebensgeschichten festgehalten werden sollen, sowie deren eindeutige Kennung bzw. Identifikationsnummer im Stammbaum. Wenn du eine Stammbaumprogramm nutzt, wird die Software diese Nummer automatisch vergeben. Wenn du mit der Suche nach deinen Vorfahren noch ganz am Anfang stehst, kannst du auf deinen Stammbaum auch die Numerierung nach Kekule anwenden. Entscheidend ist, dass das Dokument eindeutig einer Person zugeordnet werden kann. Die meisten von uns werden Namensdoppelungen unter den Vorfahren haben – da kann es sonst schnell zu Verwirrung kommen.

In der Vielzahl deiner Vorfahren wirst du für den Anfang eine Person auswählen, mit der du beginnst. Ich persönlich fasse immer zwei zusammen: Ein Ehepaar. Vielleicht deine Eltern oder Großeltern?

Das erste, das ich in mein Dokument eintrage, sind die Daten, die ich bereits erforscht habe. Geburt, Taufe, Heirat, ggfs. Tod und Beerdigung. Also einfach alle Daten aus dem Stammbaum. Daraus lassen sich bereits erste Erkenntnisse ableiten. Zum Beispiel wie die Familie aussah, in die sie hineingeboren wurden. Wie viele Geschwister waren bereits da? Wie alt waren die Eltern zu dem Zeitpunkt?

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Dann geht es weiter mit den Orten dieser Ereignisse: Wo fanden all diese Ereignisse statt? In welcher Kirche wurde getauft, getraut, beerdigt? War es die Kirche der Braut oder des Bräutigams oder eine ganz andere? Gibt es Daten zur zivilrechtlichen Ehe, also dem Standesamt?

Nachdem ich all diese Daten chronologisch eingetragen habe, geht es an die Gliederung des Lebens deiner Vorfahren. Ich verteile das Leben der Personen in verschiedene Kapitel, damit das Dokument übersichtlich bleibt. In der Regel beginne ich mit folgender Gliederung, die ich dann später immer wieder anpassen oder mit Untertiteln weiter präzisieren kann. Schließlich verläuft jedes Leben in einem ganz eigenen Rhythmus.

Erste Gliederung

  1. Ehemann: Geburt bis Heirat
  2. Ehefrau: Geburt bis Heirat
  3. Beziehung & Hochzeit
  4. Gemeinsames Leben in XY
  5. Ehemann und Ehefrau als Eltern
  6. Ruhestand und Großeltern

Viele Leben lassen sich so erstmal grob sortieren. Erweitere die Kapitel nach Belieben. Wenn zum Beispiel mehrmals der Wohnort gewechselt wurde eignet sich hier ein neuer Gliederungspunkt. Oder auch bei mehreren Ehen. Anschließend steigen wir direkt in die einzelnen Kapitel ein.

Ordne nun bedeutende familiäre Ereignisse direkt in die verschiedenen Lebensphasen ein. Wann starben die Eltern? Wann wurden Kinder geboren? Wann starben Geschwister oder gar die eigenen Kinder? Wann heirateten die Kinder?

Schon hast du ein Grundgerüst erschaffen, an dem du dich durch das Leben deiner Vorfahren hangeln kannst.

Geburt bis Heirat

Das Leben deiner Vorfahren in ihren jungen Jahren. Wir beginnen mit der Kindheit und schreiben alles auf, was wir darüber wissen. Manches davon wird dir vielleicht aus Erzählungen bekannt sein. Wenn nicht, beginne auch hier wieder ganz nüchtern mit Daten.

  • Wie alt waren die Eltern bei der Geburt des Kindes?
  • Wer lebte zu diesem Zeitpunkt mit ihnen zusammen?
  • Welche Geschwister kamen noch hinzu und in welchem Lebensjahr?
  • Leider kam es auch vor, dass Geschwisterkinder in jungen Jahren verstarben. Auch wenn dies häufiger vorkam als heute, waren das erschütternde Einschnitte ins Familienleben. Wie alt war deine Hauptperson zu diesem Zeitpunkt? Verstand sie das Geschehen? Welchen Einfluss hatten solche Ereignisse auf sie und ihr späteres Leben?
  • Gleiches gilt für den Tod von Großeltern oder Elternteilen.
  • Wie waren die Eltern so? Streng, liebevoll, abwesend?
  • Wie war das Verhältnis zu den Geschwistern?

Natürlich gibt es aus der Kindheit aber auch oft heitere Geschichten und – je nach Zeit, in der wir uns befinden – die Schulbildung und Freizeitgestaltung, auf die eingegangen werden kann.

Es bieten sich daher diverse Unterkapitel an, wie zum Beispiel:

  • Schulbildung
  • Aktivitäten außerhalb der Schule (Mitarbeit am Hof, Arbeit, Hobbys, Freunde, Vereine)
  • Berufsausbildung
  • Erste Anstellung
  • ggf. Kriegs- oder Wehrdienst

All das beschreibst du für beide Ehepartner in jeweils einem eigenen Kapitel (oder Dokument).

Tipp: Wir Menschen leben in Beziehungen und in Wechselwirkung zueinander. Was deine Person tut, hat verschiedene Auswirkungen auf die Personen im Umfeld. Manchmal ist es deshalb schwer, den Fokus zu behalten. Versuche trotzdem, erstmal das ganze Leben dieser ersten Personen zu erarbeiten, bevor du gewonnene Erkenntnisse auch bei z.B. den Geschwistern oder Eltern einarbeitest.

Beziehung & Hochzeit

So beschrieb der Autor und Dichter Jean Genet die besondere Zeit der Jugend. Meine Erfahrung zeigt ein ähnliches Bild: Viele Menschen blühen wahrlich auf, wenn sie von ihrer Jugend erzählen. Uns als Ahnenforscher verhelfen diese Geschichten zu einem neuen, unerwarteten Blick auf Personen, die wir schon unser ganzes Leben lang kennen.

Denn wen wir nur als Eltern und Großeltern kannten, war selbst vorher Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener, dessen Leben zuvor oft ganz anders aussah.

Fragen, die wir uns in diesem Kapitel stellen könnten, sind:

  • Gingen sie gerne aus?
  • Wenn ja, wohin? Bälle, Kirchweihen, Feste oder Disco?
  • Mit wem waren sie unterwegs?
  • Wie haben sie sich verabredet?
  • Wo begegneten sie sich zum ersten Mal?
  • Wie oft trafen sie sich, bevor sie entschieden zu heiraten?
  • Was meinten die Eltern zu den Heiratsplänen?
  • Heirateten sie früh oder spät nach Maßstab der damaligen Zeit?

Schließlich kam es zur Hochzeit:

  • Wo fand diese statt?
  • Wie waren Hochzeiten zu der Zeit an diesem Ort üblicherweise?
  • Hielten sie sich an typische Traditionen oder war die Hochzeit recht individuell.
  • Wie sah das Brautkleid aus?

Tipp: Sieh im Kalender nach, an welchem Wochentag die Hochzeit stattfand. Es war mancherorts lange Zeit nicht üblich, am Wochenende zu heiraten, also wundere dich nicht, wenn ein Werktag dabei herauskommt.

Gemeinsames Leben in Ort XY

All den schlechten Witzen zum Trotz ist das Leben nach der Heirat nicht vorbei, sondern geht erst richtig los.

  • Lebten Onkel, Tanten oder unverheiratete Geschwister mit im Haushalt?
  • Was passierte mit den Eltern – gingen diese in eine sog. Austragswohnung oder -haus?
  • Welche Berufe übten sie in welchem Zeitraum aus?
  • Folgten Umzüge, vielleicht ein Hauskauf?
  • Wie sah das Haus aus? Weißt du, wo es steht? Zur Visualisierung kannst du gemeinsam mit Zeitzeugen einen Grundriss zeichnen oder in Ortsarchiven nach alten Fotos suchen.
  • Welche Reisen haben sie unternommen?
  • Wer waren die Nachbarn? Hatten sie Kontakt zueinander?
  • In welche Kirche gingen sie?

Als Eltern

  • Wann kam das erste Kind? Rechne ruhig mal den Abstand zwischen Hochzeit und Geburtstermin.
  • Wer übernahm die Kindererziehung?
  • Welche Berufe übten die Eltern aus?
  • Wie erlebten die Kinder die Beziehung der Eltern zueinander und zu den Kindern?

In diesem Punkt ergeben sich manchmal Hinweise auf familieninterne Traumata. Diese können aus Kriegszeiten oder der eigenen Kindheit stammen, und wurden oft – unbewusst – an die Kinder weitergegeben. Hier eignet sich besonders ein Familieninterview mit den Kindern der beschriebenen Personen, um dem auf den Grund zu gehen. Denn was die Kinder über ihre Kindheit erzählen, offenbart viel über die Eltern.

Ruhestand und Großeltern

Irgendwann ist das Erwerbsleben vorbei. Je nach Zeit und Ort, in dem sie lebten, hatte das unterschiedliche Auswirkungen.

  • Gab es eine Art Rente oder einen Austrag?
  • Zogen sie um in das Austragshaus oder lebten sie weiter in der Großfamilie und kümmerten sich um Enkel?
  • Oder haben sie sich einem Ehrenamt gewidmet, einem Verein oder wohltätigen Zwecken?
  • Wie waren sie als Großeltern? Welche Erinnerungen haben die Enkel an sie?

Woher bekomme ich mehr Informationen?

Wenn du diese Gliederung einmal erstellt und soweit wie möglich ausgefüllt hast, wirst du bemerken, wie viel du allein aus den Daten schon ableiten kannst. Manches hat dich vielleicht überrascht und bestimmt hast du bereits jetzt das Gefühl, das Leben deiner Vorfahren besser verstehen zu können. Die einschneidenden Umbrüche und Schicksalsschläge konntest du bereits identifizieren. Nun geht es noch darum, tiefer zu graben.

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An welcher Stelle lohnt es sich, noch weiter zu forschen?

Meist sind es die Hintergründe und Details zu großen Veränderungen oder Traumata, die bei den Nachfahren Neugier wecken. Warum fand der Umzug statt? Wie verhielt es sich genau mit der Flucht? Wo im Krieg war mein Vorfahr eingesetzt? All das wirst du wohl nicht auf Anhieb beantworten können, doch es gibt viele Möglichkeiten, darüber mehr zu erfahren. Wichtig ist für den Anfang, dass du nun diese Punkte identifiziert hast, die du genauer recherchieren und erforschen möchtest.

Trage dich in den Newsletter ein, um nicht zu verpassen, wie du mehr über das Leben und die Persönlichkeit deiner Vorfahren erforschen kannst – über die reinen Daten hinaus. Dort erhältst du in den nächsten Wochen viele hilfreiche Tipps, Checklisten und Inspiration zum Führen von Familieninterviews, genealogischem Schreiben und Erlebnis-Genealogie. Und natürlich auch zu Quellen, die dich in den oben genannten Fragen weiter bringen könnten.

Wichtigstes Werkzeug: Das Familieninterview

Bevor du dich in die Archiv-Recherche stürzt, möchte ich dir das Werkzeug ans Herz legen, das unter Familienforschern neben den Archivunterlagen eine weitere bedeutende Säule darstellt: Das Familieninterview.

Nutze die Gelegenheit, noch lebende Vorfahren und Angehörige zu ihren Erinnerungen zu befragen. In diesen Erinnerungen liegen unbekannte Schätze vergraben, die es zu bewahren gibt. Beachte dabei aber Folgendes: Wir lernen als Nachfahren unsere Vorfahren erst an einem bestimmten Punkt ihres Lebens kennen. Du kannst deine Eltern zum Beispiel fragen, wie sie ihre Großeltern erlebten. Das sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, wie sie als Eltern waren – wir alle wissen, man verändert sich im Laufe der Jahre. Betrachte Erzählungen also auch mit etwas Vorsicht. Trotzdem sind diese subjektiven Erzählungen unglaublich wertvoll, denn sie zeichnen ein Bild der Beziehung der erzählenden Person zu den beschriebenen Personen. Je mehr verschiedene Personen du also befragen kannst, desto klarer und differenzierter wird das Bild, das du von deinem Vorfahren erhältst.

Hinterfrage erstmal nicht, sondern sammle alle Erzählungen und Geschichten wertfrei.

Fußnoten und Quellenverweise

Jede Behauptung braucht einen Beleg. Genealogisches Schreiben ist keine fiktionale Literatur. Wir möchten so nah an den Fakten bleiben, wie es uns möglich ist. Spätestens, wenn du zu einem Ereignis voneinander abweichende Geschichten hörst, ist es wichtig zu wissen, welche Quelle verlässlich ist und welche nur vom Hörensagen erzählt.

Ein Beispiel: Es wird dir vielleicht jemand erzählen, dass seine Großmutter eine sehr strenge Frau war. Notiere, wer das war. Andere Enkel können durchaus andere Erfahrungen mit ein und derselben Person gemacht haben – ohne dass jemand lügt. Vielleicht lebte die erste befragte Person mit der Großmutter im selben Haus und diese war eher in einer Mutterrolle? Die Gründe für solche Abweichungen kannst du im Anschluss analysieren. Du musst aber wissen, woher du welche Information hast, um sie auch richtig einordnen zu können. Die Aussage des eigenen Sohns über seinen Vater mag sich in manchen Fällen gravierend von der Beschreibung in der Grabrede unterscheiden, die ein guter Vereinsfreund verfasst hat.

Von einer Person kommst du automatisch zur nächsten

Wenn du über die Kindheit deines Vorfahren sprichst, beschreibst du auch das Leben von deren Eltern und Geschwistern. Denke also daran, auch für diese ein Dokument anzulegen und übernimm Informationen, die für die ganze Familie relevant sind. Der Blick auf eine Situation wird aus erwachsener Sicht vielleicht ganz anders ausfallen, als der des Kindes. Und schon ergibt sich ein diversifiziertes Bild der Familie – vielleicht sogar Konflikte oder Reibungspunkte. Haben diese noch Auswirkungen auf ihr späteres Leben? Du wirst merken, dass auf diese Weise sehr schnell ein großes Netzwerk an Verbindungen entsteht. Zu Tools, um hier den Überblick zu behalten, folgt ein gesonderter Artikel. Bleib dran und trage dich in den Newsletter ein, um nichts zu verpassen.

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